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Rivlin vergleicht Verbreitung des Antisemitismus mit Corona

Am Abend des 20.4.2020 sandte der israelische Präsident Reuven Rivlin anlässlich des Holocaust-Gedenktages eine Videobotschaft. Normalerweise findet die Eröffnungszeremonie vor geladenen Gästen statt. Das war dieses Jahr aufgrund der Empfehlungen des Gesundheitsministeriums im Zusammenhang mit Corona nicht möglich. Rivlin sagt: „Liebe Brüder und Schwestern, liebe Holocaust-Überlebende – auch in zweiter und dritter Generation, liebe Familien, liebe israelische Mitbürger! In den vergangenen Wochen scheint es, als wäre die Welt zum Stillstand gekommen. Derzeit bestimmt der Kampf gegen Corona unsere Agenda von einer Nachrichtensendung bis zur nächsten, von einer Anweisung zur nächsten. Darum können wir uns heute Abend leider nicht versammeln, wie wir das sonst jedes Jahr am Platz des Warschauer Gettos in Jad Waschem tun. Dabei dürfen wir jedoch der aktuellen Bedrohung nicht erlauben, einen Schatten auf das Gedenken an die Vergangenheit zu werfen. Wir müssen uns erinnern. Wir erinnern uns. Wir werden uns weiterhin erinnern. Unseretwillen und für künftige Generationen. Die Bedrohungen in der Gegenwart verschleiern die Bedeutung dieses heiligen Tages nicht. Genau 75 Jahre ist es her, dass die Pforten der Höllen geöffnet wurden. Im Frühling 1945, einige Monate nachdem die Verbrennungsöfen in Auschwitz abgestellt wurden, schien die Sonne über Bergen-Belsen und anderen Lagern. Für 6 Millionen Brüder und Schwestern war das zu spät. Als die Befreier in die Lager kamen, standen sie vor der Hölle auf Erden. Leichen lagen am Boden und abgemagerte Menschen liefen dazwischen umher. Sie waren wie wandelnde Tote, ausgehungert, am Verdursten, erschöpft und krank. Ihre Familien wurden ermordet und verbrannt, waren massakriert worden oder galten als vermisst. Sie hatten alles verloren, selbst die Fähigkeit zu weinen.

Liebe Mitbürger, es war der menschliche Geist, der über den Holocaust triumphierte. Die Bestie des Nazismus hatte menschliche Körper besiegt, aber nicht den Geist. Auf dem Pfad der Tränen, im Tal der Hölle, in einer gespaltenen Welt bar jeder Solidarität, als der Tod jeden Tag unter ihnen wandelte, setzten unsere Brüder und Schwestern ihr Leben aufs Spiel, um die Schwächsten unter sich zu retten. Kein einziger Jude, der jener Hölle entfloh, tat dies, ohne dass ihm ein anderer Jude, ein anderer Mensch, geholfen hätte. Verfolgte Juden, die selbst nichts hatten, bewiesen Mut, Einfallsreichtum und Menschlichkeit, um Leben zu retten. Sie bewiesen, selbst am tiefsten Punkt kann und muss man sich dazu entscheiden, an den grundlegenden jüdischen Werten des Lebens und der gegenseitigen Verantwortung festzuhalten. Die aktuelle Pandemie, die nicht zwischen Menschen unterscheidet, unterstreicht nur, dass wir uns der menschlichen Solidarität ebenso verpflichtet fühlen wie der gegenseitigen Verantwortung und dem kompromisslosen Kampf gegen Antisemitismus und Hass, welche sie wie ein Virus unter den Menschen verbreiten. Liebe Brüder und Schwestern, liebe Holocaust-Überlebende, liebe Helden der Unabhängigkeit! Erinnerungen leben länger als die, die sie haben. Wir versprechen, die Fackel des Gedenkens weiterzureichen – mit euch und in eurem Auftrag.“ (VFI News)

„Ihr werdet wissen, dass Ich in Israels Mitte bin und dass Ich, der HERR, euer Gott bin und keiner sonst. Und Mein Volk soll nimmermehr beschämt werden.“ – Joel 2,27